Wer mit über 50 Jahren eine neue Stelle sucht, kennt die Zweifel: Liegt es an den Bewerbungsunterlagen oder doch am Alter? Dabei sind erfahrene Fachkräfte so gefragt wie noch nie, auch wenn der Fachkräftemangel-Index des Stellenmarkt-Monitors Schweiz im Vergleich zum Vorjahr insgesamt leicht rückläufig ist.
Studienergebnisse zur Altersdiskriminierung
Eine aktuelle Studie von HR Today und von Rundstedt («55plus in der Altersfalle», Oktober 2025) zeichnet jedoch ein ernüchterndes Bild: 77% der Befragten beobachten Altersdiskriminierung trotz Fachkräftemangel. 46% sehen für engagierte Stellensuchende ab 55 Jahren schwarz. Immerhin sind 54% der Befragten der Ansicht, dass individuelles Verhalten die Benachteiligung älterer Arbeitskräfte beeinflusst. Das Kernergebnis der Studie: Viele Führungskräfte stecken in einem Widerspruch. Sie würden ältere Profis theoretisch gerne einstellen, scheitern in der Praxis jedoch an mangelndem Mut, starren Strukturen und einer Unternehmenskultur, die noch immer zu stark auf Frühpensionierung setzt.
Unternehmenssicht: Zwischen Wertschätzung und Zurückhaltung
Eine zweite, ebenfalls aktuelle Studie bestätigt dieses Bild aus Unternehmenssicht. Für die Studie «Arbeitskräfte 60plus» befragte Alixio Group Schweiz im Auftrag von focus50plus, dem Schweizerischen Arbeitgeberverband und dem Gewerbeverband von November 2025 bis März 2026 rund 500 HR-Verantwortliche und Führungskräfte. Arbeitgeber schätzen das Know-how (82%), das Verantwortungsbewusstsein (67%) und die Fachkompetenz (66%) ihrer Mitarbeitenden 60plus sehr hoch ein. Bei der aktiven Neueinstellung von Arbeitskräften 60plus zeigt sich in der Praxis jedoch deutlich mehr Zurückhaltung: Nur 20% der Unternehmen bestätigen klar, dass sie gezielt Arbeitnehmende 60plus neu einstellen. Die Zahlen entlarven ein klares Paradoxon: Ältere Angestellte werden im eigenen, vertrauten Team sehr geschätzt, als externe Bewerber beim Recruiting jedoch fast vollständig blockiert.
Die Normwirkung des Rentenalters
Auch beim Rentenübertritt zeigt sich eine starke Normwirkung des Referenzalters: 82% der Unternehmen pensionieren ihre Mitarbeitenden mehrheitlich bei Erreichen des Referenzalters, nur 9% mehrheitlich später. Und nur 19% der Arbeitgeber halten das heutige Referenzalter für zu früh, um die Erwerbstätigkeit zu beenden. 63% finden den Zeitpunkt genau richtig. Die nackte Realität: Das gesetzliche Rentenalter gilt in den Chefetagen als starres Ablaufdatum. Trotz akutem Personalmangel wird der automatische Abgang kaum hinterfragt und bleibt die unumstössliche Norm.
Das unsichtbare Sieb auf dem Stellenmarkt
Altersdiskriminierung existiert auch 2026 noch, allerdings in einer deutlich subtileren Form. Dass kaum noch Inserate mit starren Altersobergrenzen (wie «maximal 50 Jahre») ausgeschrieben werden, ist kein Beweis für Besserung, sondern das Ergebnis einer rechtlichen Sensibilisierung. Die Diskriminierung findet heute implizit statt: Sie versteckt sich hinter Codes wie dem Werben nach einem «jungen, dynamischen Team» oder der pauschalen Bevorzugung von «Digital Natives».
Das grosse Paradoxon bleibt: Schweizer Firmen schätzen zwar das Know-how ihrer bestehenden älteren Belegschaft, jedoch schliessen sie dieselbe Altersgruppe bei Neueinstellungen oder beim Erreichen des Referenzalters aber systematisch aus. Die Studien legen nahe, dass unbewusste Vorurteile bei der Rekrutierung heute eine grössere Rolle spielen als häufig angenommen.
Trotz dieser Herausforderungen gibt es Unternehmen, die gezielt auf erfahrene Fachkräfte setzen. Auf Jobagent.ch finden Sie branchenspezifisch aktuelle Stellenangebote von Arbeitgebern, die Erfahrung als Stärke sehen.
